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Am Weihnachtstage

Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848)

Durch alle Straßen waelzt sich das Getuemmel,
maultier, Kamele, Treiber; welch Gebimmel!
Als wollte wieder in die Steppe ziehn
Der Same Jakobs, und Judas Himmel,
Laesst blendend seine Funkenstroeme spruehn.

Verschleiert Frauen durch die gassen schreiten,
Muehseligvom beladnen Tiere gleiten
Bejahrte Muetterchen; allueberall
Geschrei und Treiben, wie vor Jehus Wagen.
Laesst wieder Jezabel ihr Antlitz ragen
Aus jener Saeulen luftigem Portal?

’s ist Rom, die uepp’ge Priesterin der Goetzen,
Die glaenzendste und grausamste der Metzen,
Die ihre Sklaven zaehlt zu dieser Zeit.
Mit einem Griffel, noch vom Blute traeufend,
Graebt sie in Tafeln, Zahl auf Zahl haeufend,
Der Buhlen Namen, so ihr Schwert gefreit.

O Israel, wo ist dein Stolz gelieben,
Hast du die Haende blutig nicht gerieben,
Und deine Traene war sie siedend Blut?
Nein, als zum Marktplatz deine Scharen wallen
Verkaufend, feilschend unter Tempels Hallen,
Mit ihrem Gott zerronnen ist ihr Mut!

Zum trueben Irrwisch ward die Feuersaeule,
Der gruene Aronstab zum Henkerbeile;
Und grausig uebersteint das tote Wort
Liegt, eine Mumie, im heil’gen Buche,
Drin sucht der Pharisaeer nach dem Fluche,
Ihn donnernd ueber Freund und Fremdling fort.

So, Israel, bist du gereift zum Schnitte,
Wie reift die Distel in der Steppe Mitte;
Und wie du stehst in deinem grimmen Haß
Genüber der geschminkt und hohlen Buhle,
Seid gleich ihr vor gerechtem Richterstuhle
Von Blute sie und du von Geifer naß.

O tauet, Himmel, tauet den Gerechten!
Ihr Wolken, regnet ihn, den wahr und echten
Messias, den Judäa nicht erharrt!
Den Heiligen und Milden und Gerechten,
Den Friedenskönig unter Hassesknechten,
Gekommen zu erwärmen, was erstarrt!

Still ist die Nacht; in seinem Zelt geborgen
Der Schriftgelehrte späht mit finstren Sorgen,
Wann Judas mächtiger Tyrann erscheint.
Den Vorhang lüftet er, nachstarrend lange
Dem Stern, der gleitet über Äthers Wange
Wie Freudenzähre, die der Himmel weint.

Und fern vom Zelte über einem Stalle,
Da ist's, als ob aufs niedre Dach er falle;
In tausend Radien sein Licht er gießt:
Ein Meteor! so dachte der Gelehrte,
Als langsam er zu seinen Büchern kehrte.
O weißt du, wen das niedre Dach umschließt?

In einer Krippe ruht ein neugeboren
Einschlummernd Kindlein; wie im Traum verloren
Die Mutter knieet, Weib und Jungfrau doch.
Ein ernster, schlichter Mann rückt tief erschüttert
Das Lager ihnen; seine Rechte zittert
Dem Schleier nahe um den Mantel noch.

Und an der Türe stehn geringe Leute,
Mühsel'ge Hirten, doch die Ersten heute,
Und in den Lüften klingt es süß und lind,
Verlorne Töne von der Engel Liede:
Dem Höchsten Ehr' und allen Menschen Friede,
Die eines guten Willens sind!